Frau zieht ihre Strümpfe hoch
Henri de Toulouse-Lautrec
- Autor
- Henri de Toulouse-Lautrec
- Datum
- 1894
- Abmessungen
- 61x45 cm
- Techniken und Material
- Öl auf Karton
- Akquisitionsmethode
- Geschenk der Gräfin Adèle de Toulouse-Lautrec, 1922
In einer beinahe klassischen, an ein Model erinnernden Pose fängt Lautrec die anmutige Silhouette einer Frau ein, die ihre Strümpfe zurechtzupft. Da er Einblick in das Privatleben von Bordellmädchen hatte, konnte er jede ihrer Gesten vor Ort festhalten oder in seinem Atelier reproduzieren.
Die Momentaufnahme einer vertrauten und überaus femininen Geste wird hier mit einem Pinselstrich in violetter Essenz lebhaft eingefangen, wobei blaue Farbtupfer die Konturen der Beine mit einer stärkeren Linie betonen.
Diese Arbeitsweise mit der Spitze eines geschmeidigen, präzisen Pinsels auf Karton, der ihm einen Grundton liefert, ist eines der Kennzeichen von Lautrecs vollkommener künstlerischer Freiheit: Ohne sich auch nur im Geringsten um die Andeutung einer Szenerie zu kümmern, fängt er diese Figur ein, in der sich seine Liebe zur weiblichen Form ausdrückt, ohne jeden Anflug von Erotik oder Pornografie. Die Beine sind bis zur Wadenmitte abgeschnitten, die Arme nur angedeutet, die linke Hand, die den Strumpf hochzieht, kaum skizziert, die Modellierung nur minimal durch lange, diagonale weiße Lichtreflexe angedeutet. Das dunkle Grün der Strümpfe kontrastiert mit dem zarten Grün des um den Hals gewickelten Hemdes und dem leuchtenden Rot des blonden Haares.
Die Darstellung dieser alltäglichen Geste offenbart den aufmerksamen, aber nicht gänzlich zärtlichen Blick des Malers auf Prostituierte. Mit großer Sparsamkeit der Mittel, die sein Können als Maler zusätzlich unterstreicht, bekräftigt Lautrec seine völlige Abwesenheit moralisierender Wertungen.